Der Affe

Der Affe war schon immer da. Manchmal spürte sie seine Krallen auf ihrer Schulter, manchmal vergingen Tage, ohne, dass sie ihn bemerkte. Außer sie schaute in den Spiegel, natürlich. Aber sie schaute nicht gerne in den Spiegel.

Der Affe war klein, braun, hatte ein rosiges Affengesicht. Sie nannte ihn Porzellan. Auch, wenn sie sich schon Jahre lang kannten, konnte sie Porzellan nicht verstehen. Sie hatte es wirklich versucht: Vielleicht bedeuten die Geräusche was, vielleicht seine Körpersprache, die Bewegungen der kleinen Pupillen. Sie dachte, eine Bewegung von der linken Hand bedeutete Hunger, aber er spuckte das Essen wieder aus. Sie hatte damit aufgegeben.

Spannend war es, dass nicht jeder den Affen sah. Oder sahen sie ihn und wollten es nicht ansprechen? Das könnte unhöflich wirken, jemanden zu sagen, dass er einen Affen auf der Schulter hat.

Manche stellten Fragen: Woher sie den Affen habe, wie er heiße, warum sie ihn überall mitnehme. Sie antwortete langsam mit der Absicht, ihr Ärger darüber nicht sichtbar zu machen: „Ich habe ihn immer gehabt, er heißt Porzellan, ich nehme ihn überall mit, weil er nicht weggeht.“ „Wie, er geht nicht weg?“ „Er will nicht weggehen.“

Keiner fragte, ob es für sie okay war, wie sie sich damit fühlte. Stattdessen versuchte jeder, ihr Unrecht zu beweisen. Ohne zu fragen, rissen sie ihr den Affen aus der Schulter, boten ihn Futter an, zogen an seinem Schwanz, manche schlugen ihn sogar. Der Affe bewegte sich nicht von der Stelle. Er biss, kratzte, fauchte. Sie beobachtete die sich immer ereignende Szene mit müden Augen und mit noch müderen Augenringen.

Ein Arzt hatte mal eine Idee: Den Affen in einen Käfig einzusperren. Mithilfe einer Spritze, brachte er ihn zum schlafen, nahm ihn sanft wie ein Baby von der Schulter weg und platzierte ihn in einen Käfig. „So, jetzt haben wir das Problem gelöst.“ Er wollte dafür tausend Euro haben.

Sie ahnte es schon: Sie wollten den Affen loswerden. Töten. Es war ein komisches Gefühl, als ob jemand alle Geräusche ausgeschaltet hätte. „Es ist besser so, es ist besser so,“ redete sie sich immer wieder ein. Ihre Schulter tat langsam nicht mehr weh, aber sie konnte das Gefühl nicht loswerden, dass etwas fehlte.

Nachts konnte sie nicht schlafen. Ihre roten Augen hingen an der weißen, leeren Decke. Eigentlich muss man das Bett verlassen, eigentlich muss man ein Buch lesen oder eine Meditation machen oder entspannende Musik hören, eigentlich müsste man eine gesunde Schlafhygiene pflegen, drei Stunden vor dem Schlafengehen nicht auf das Handy schauen, ein Tee trinken oder warme Milch, duschen oder baden, doch, wer hat eine Badewanne heutzutage, wer kann sich so eine Wohnung leisten.

Gegen drei Uhr morgens erschien der Affe wieder. Sein Schwanz nahm einen unnatürlichen Winkel an, sein rechtes Augenlid schien permanent verschlossen zu sein und er war von unzähligen Kratzern bedeckt. Sie hätte weinen können. Er nahm wieder seinen Platz ein.

Ein anderer Arzt war bestrebt, sie davon zu überzeugen, dass es diesen Affen nicht gab. „Finden Sie es logisch, dass ein Affe Sie seit Ihrer Geburt begleitet? Ein Affe lebt fünfzehn bis zwanzig Jahre alt. Sie sind fünfunddreißig Jahre alt. Der Affe muss doch längst gestorben sein.“ Klar, es war alles logisch, aber wie sollte sie ihre tägliche Realität verneinen? „Ich glaube, der Affe ist ein Symbol für all die Last, die Sie nicht loslassen können. Wie war denn Ihre Kindheit? Wurden Sie sexuell missbraucht?“

Beziehungen waren natürlich schwierig. „Kannst du bitte den Affen wegschicken? Ich verstehe, dass du ihn magst und so, aber ich finde es unangenehm, wenn er mich die ganze Zeit anstarrt.“ „Also der Affe muss weg, ich habe eine Allergie gegen Tierfell. Und ich mochte Affen sowieso nie.“ „Der Affe oder mich! Entscheide dich jetzt!“ Der Affe, der Affe, der Affe. Wann würde es denn um sie gehen?

Die einfache Lösung schien es, mit jemanden zusammen zu sein, der ihn gar nicht bemerkte. Das hatte sie auch versucht. „Warum läufst du immer so langsam? Warum kannst du nie gut schlafen? Warum sind deine Haare immer zerzaust? Warum riechst du so, als wärst du gerade im Zoo gewesen?“ Den Affen erklären wollte sie nicht. Das musste sie schon oft genug tun.

Also ja, sie war komplett allein mit dem Affen. Es heißt, man soll über seine Probleme mit anderen sprechen, aber was, wenn keiner diese Probleme ernst nimmt? Lösen kann? Ja, ja, man kann Probleme nur selber lösen, andere können nur helfen, man muss sein Leben in die Hand nehmen. Wie soll ich mein Leben in die Hand nehmen, wenn mein Leben einem Affen gehört? Wie lächerlich.

Das Leben in die Hand nehmen, den Affen am Hals packen und ein Messer holen. „Du wirst nicht mehr über mich bestimmen, ich werde über mich und mein Leben bestimmen, dir gehört mein Leben nicht.“ Sie legte den ängstlichen Affen auf den Tisch und hob das Messer hoch wie in den Filmen. „Nachher muss ich alles saubermachen, keine Lust. Vielleicht lege ich eine Plastikfolie drunter.“ Sie stellte den Affen wieder auf ihrer Schulter und suchte nach der grünen Packung. Sie schnitt ein Stück Folie und legte es auf dem Küchentisch. Sie nahm den Affen wieder, dieses Mal etwas sanfter, und legte es auf die Folie. Der Affe schien mit seinen Augen zu flehen. „Nein, du ruinierst mein Leben, das geht nicht.“

„Vielleicht sollte ich ihn etwas zu essen geben. Eine letzte Mahlzeit. Das wäre eine noble Handlung.“ Sie ließ ihn los und schnitt eine Banane in Scheiben. Der Affe kletterte zwischendurch wieder auf ihre Schulter. Sie nahm den Teller und hob ihn, sodass Porzellan davon essen konnte. Porzellan wollte nicht essen. Sie seufzte. „Ich habe es versucht.“ Dann nahm sie ihn wieder und stellte ihn erneut auf die Folie.

„Ich bin erschöpft, einfach erschöpft, ich kann nicht mehr. Ich hoffe, du verzeihst mir,“ sagte sie und schlug mit dem Messer auf dem kleinen Hals. Der Affe starb nicht sofort, sein Hals war nicht komplett durchgeschnitten. Sie nahm sein Körper bestimmt und schnitt mit mehr Kraft sein Hals durch. Vorbei.

Vorbei. Vorbei. Sie setzte sich auf den Boden hin.  

„Ich bin so ein schlechter Mensch, ich habe einen Affen getötet.“

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